Die Schattenseiten des Auswanderns - nextstopmelbourne.com

So meisterst du die Schattenseiten des Auswanderns

Nach einem Jahr in Australien habe ich die Schattenseiten des Auswanderns kennengelernt und mir Strategien angeeignet, um mit den Nachteilen umzugehen. Du kannst das auch.

Auswandern eröffnet dir im wörtlichen Sinn eine neue Welt. Du erfährst unzählige glückliche Momente und denkst dir: Wie gut, dass ich den Schritt gewagt habe.

Genauso musst du dich mit Dingen auseinandersetzen, die dir Angst machen. Du durchlebst Zeiten und Ereignisse, die dich traurig machen und vielleicht sogar verzweifeln lassen. Dann denkst du dir: Was hat mich bloß getrieben, Deutschland zu verlassen und ans andere Ende der Welt zu ziehen?

Lesetipp: Auswandern wäre schön, aber du bist dir nicht sicher, ob du der Typ dafür bist? Mit diesen Fragen findest du heraus, ob Auswandern etwas für dich ist.

Mir war klar, das wird nicht leicht

Als ich ins Flugzeug nach Australien gestiegen bin, war mir klar: Das wird nicht leicht. Im Ausland fange ich wieder bei Null an. Wenn ich in Melbourne ankomme, würde ich keine Wohnung und keine Arbeit haben. Alles, was mir noch gehörte passte in zwei Reisekoffer. Und was noch schlimmer erschien: Ich würde in Melbourne niemanden kennen.

Trotzdem – oder gerade deswegen – bin ich in die Maschine gestiegen und habe 24 Stunden später mein Leben in Australien begonnen. Ich war mir sicher: Ich schaffe das. Ich werde nicht die erste Deutsche in Australien sein und Hürden sind dazu da, um sie zu überspringen – oder unter ihnen hindurchzukriechen.

Manchmal ist es schwerer als erwartet

Manche Hürden aber sind höher als man denkt. Man bleibt an ihnen hängen, reißt die Stange und fällt.

Eine Hand reicht nicht mehr aus, um die Hindernisse zu zählen, über die ich seit meiner Ankunft in Melbourne gestolpert bin – sei es bei der Jobsuche, im Beruf, auf der Suche nach einer Wohnung, dabei neue Freunde zu finden oder allein dabei, einen Gasanbieter für meinen Herd zu finden – aber das ist eine andere Geschichte.

Du reißt eine Hürde, du fällst und stehst wieder auf. Du reißt eine weitere Hürde, stürzt und rappelst dich auf. Auswandern – vor allem aber das EINwandern – fühlt sich manchmal an wie ein endloser Kreislauf aus Hochs und Tiefs.

Skypen ersetzt keine Umarmung

Eine der größeren Schattenseiten des Auswanderns ist, dass ich 16.000 Kilometer entfernt von meiner Familie lebe.

Natürlich skypen wir regelmäßig – doch unsere Gesprächsthemen sind oberflächlicher als früher. Abgesehen von „uns geht es gut“ und „am Wochenende haben wir eine Radtour gemacht“ erfahre ich wenig vom Leben meiner Familie und darüber, was sie bewegt.

Noch mehr schmerzt, dass ich meine Nichte, die kurz nach meiner Auswanderung auf die Welt kam, nicht aufwachsen sehe. FOMO, die Angst etwas Wichtiges zu verpassen, war mir noch nie so gegenwärtig wie jetzt in Down Under.

Freundschaften verblassen

„Wir bleiben in Kontakt“, versprachen mir Freunde auf meiner Abschiedsfeier. Viele kündigten sich für einen Besuch an. Doch bis heute hatte niemand von ihnen Zeit oder die Gelegenheit nach Australien zu kommen. Auch Emails und Telefonate werden seltener und bleiben schließlich aus.

Das ist traurig, aber der Normalfall. Wir bewegen uns in unterschiedlichen Welten – nicht nur räumlich und zeitlich, sondern auch im Hinblick auf unsere Lebensabschnitte. Während sie damit beschäftigt sind, den nächsten Karriereschritt anzugehen, eine Familie zu gründen oder ein Haus zu bauen, fange ich noch einmal vorne an. So lebt man sich Tag für Tag ein bisschen mehr auseinander.

Um neue Freunde im Ausland zu finden, braucht man Geduld. Australier zählen zwar zu den freundlichsten Menschen, denen ich bisher begegnet bin. Doch es dauert lange, bis sie dich in ihren Freundeskreis aufnehmen. Während ich in Deutschland fast jedes Wochenende etwas mit Freunden unternommen habe, war ich hier in den ersten Monaten alleine unterwegs.

Aus der Entfernung erkennt man die positiven Seiten Deutschlands

Deutschland hat seine Vorteile. Das wurde mir in Australien deutlich. Natürlich habe ich mich vor meiner Ausreise mit den Arbeitsbedingungen, dem Sozialsystem und den Lebenshaltungskosten in Australien beschäftigt – mir war also bewusst, worauf ich mich einlasse: höchstens 20 Urlaubstage im Jahr, keine gesetzliche Krankenversicherung für deutsche Einwanderer und höhere Kosten für Lebensmittel, Wohnung, Verkehrsmittel, Strom und Internet.

Doch darüber, dass man als Mieter in australischen Mietwohnungen keinen Nagel in die Wand schlagen darf oder dass dem Vermieter zusteht, den Zustand der vermieteten Wohnung jedes halbe Jahr persönlich zu überprüfen – ob der Mieter zuhause ist oder nicht –, das stand nirgendwo.

Zwar habe ich gewusst, dass Melbourne seine Jahreszeiten hat, und dass es hier im Winter Frost geben kann. Doch dass ich aufgrund von Einfachverglasung, billiger Bauweise und fehlender Zentralheizung von Herbst an bis in den Frühling IN der Wohnung frieren würde, kam überraschend.

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Auswandern auf Zeit ist wie eine Fahrt mit angezogener Handbremse

Als ich aus Deutschland ausgewandert bin, hatte ich nicht das Ziel, für immer in Australien zu bleiben. Vielmehr hatte ich einen Zwei-Jahres-Plan: Ich wollte für zwei Jahre im Ausland leben. Was ich danach machen und wohin ich danach gehen würde, ließ ich offen.

Mit diesem Zwei-Jahres-Plan und der Unsicherheit, wie es danach weitergeht, im Hinterkopf, fühlt sich mein Leben manchmal an wie eine Fahrt mit angezogener Handbremse, wie eine Pause vom richtigen Leben. Bei allem, was ich tue, stelle ich mir die Frage: Lohnt sich das für zwei Jahre?

In meinem Apartment stehen nicht viel mehr als ein IKEA-Bett, ein IKEA-Tisch mit zwei Stühlen und eine IKEA-Couch. Ob Kleidung, Bücher oder ein Fahrrad – bevor ich etwas Neues kaufe, wiege ich tagelang ab, ob sich die Anschaffung lohnt. Denn warum Geld für etwas ausgeben, wenn ich meinen gesamten Besitz nach 24 Monaten wieder aufgeben muss?

Der positive Nebeneffekt: So wurde ich – ganz ungeplant – zum Minimalisten; kein Auto, kein Couchtisch und nur drei paar Hosen im Schrank.

Die Angst zu versagen

Wer auswandert, setzt sich unter Druck. Man will seine eigenen Erwartungen und die der Freunde und Verwandten erfüllen – und das möglichst schnell.

Nach drei Monaten spätestens wollte ich mein neues Leben eingerichtet haben, Job, Wohnung, Hobbies, Freunde. Nach gut einem Jahr fühlt sich mein Leben in Australien noch immer fremd und wie eine Baustelle an.

Das ist frustrierend und manchmal habe ich Angst zu versagen: Dann sehe ich mich nach Deutschland zurückkehren, ohne es im Ausland zu etwas gebracht zu haben.

So meisterst du die Schattenseiten des Auswanderns

Inzwischen habe ich mir Strategien angelegt, um mit den negativen Seiten des Auswanderns umzugehen – und die möchte ich mit dir teilen:

Lass dich nicht von deinen negativen Gefühlen und Befürchtungen überwältigen. Du hast Angst zu scheitern? Dann frage dich, woran du dein Scheitern festmachst und erinnere dich daran, mit welchen Zielen du ins Ausland gezogen bist.

Ich entschied mich für die Auswanderung, weil ich Australien sehen wollte – so viel davon wie möglich. Ich hatte mir außerdem zum Ziel gesetzt, nach zwei Jahren fließend englisch zu sprechen.

Bin ich dieses Abenteuer auch angetreten, um in Melbourne meinen Traumjob zu finden, ein Vermögen aufzubauen, ein Haus zu kaufen und mich hier für immer niederzulassen?

Ganz klar: Nein!

Warum also die Angst vor dem Versagen? Gescheitert ist mein Auslandsaufenthalt nur dann, wenn ich nach zwei Jahren zurückblicke und feststelle, dass ich kaum etwas von Australien gesehen habe und 24 Monate lang verzweifelt in meiner Wohnung saß – aus Frust, es zu nichts gebracht zu haben.

Hab Geduld mit dir

Man sagt, es dauert mindestens sechs Monate, bis du dich in einem neuen Land eingewöhnst; und noch viel länger, bis du dich dort wirklich heimisch fühlst. Also erwarte in den ersten Monaten nicht zu viel von dir und schon gar nicht, dass du von 0 auf 100 in dein neues Leben startest.

Nimms mit Humor

Du hast dein Vorstellungsgespräch vergeigt, weil du vor lauter Aufregung keinen englischen Satz herausgebracht hast? Du merkst erst nach einer Stunde Fahrt, dass du im falschen Zug sitzt und endest an einer Haltestelle mitten im Nirgendwo? Oder deine Arbeitskollegen sehen dich halb verwundert, halb entsetzt an, weil du – um dich für ein Geburtstagsgeschenk zu bedanken – die Worte „that’s awesome“ mit „that’s aweful“ verwechselt hast.

Wer auswandert, erlebt Pleiten, Pech und Pannen. Wer lernt, über seine Fehler zu lachen, macht sich das Leben leichter – und hat später jede Menge unterhaltsame Geschichten zu erzählen.

Sieh die positiven Seiten

Auswandern ist schwer und vieles geht schief. Doch wenn du Bilanz ziehst, sind da bestimmt schöne Erlebnisse und Erfahrungen. Auf meiner Positivseite stehen zum Beispiel mein Road-Trip von Melbourne nach Perth durch die australische Wüste; die Kontakte, die ich als Ersthelferin und Mitglied bei St John Ambulance (eine Erste Hilfe-Organisation vergleichbar mit dem Roten Kreuz) geknüpft habe, oder meine neuen Hobbies, Kickboxing und Open Floor Dancing.

Geh auf Reisen

Die Suche nach einer Wohnung dauert länger als geplant? Du verschickst eine Bewerbung nach der anderen und findest keine Stelle? Wenn einfach nichts klappen will und obendrein auch noch alles schief geht, nimm dir eine Auszeit von deiner Auswanderung und reise. Entdecke deine neue Heimat so ausgiebig wie möglich und mache dir dadurch den Kopf frei. Hast du einmal einen festen Job, fehlt dir ohnehin die Zeit fürs Reisen.

Schaffe dir Routinen, suche dir Aufgaben und übernimm Verantwortung

In Deutschland warst du durch deinen Job, dein soziales Umfeld und deine Hobbies fest eingebunden und hattest einen geregelten Tagesablauf. Im Ausland angekommen, bist du zunächst frei von Verpflichtungen und Aufgaben.

Einerseits ist es ein großartiges Gefühl, sich von unangenehmen Pflichten und langweiligen Routinen zu befreien. Auf Dauer merkt man aber, dass der feste Tagesablauf und regelmäßig wiederkehrende Aufgaben wie Leitplanken waren, die einem Sicherheit und Antrieb gaben.

Solange ich keine Arbeit hatte, habe ich darum versucht, meinen Tagen eine Struktur zu geben. Ich stand täglich um sieben Uhr auf, habe gefrühstückt und danach Yoga geübt. Den Vormittag lang habe ich Bewerbungen geschrieben und an den Nachmittagen war Zeit, um meine neue Heimat zu erkunden.

Ich drücke dir die Daumen für deine Auswanderung! Schreibe mir gerne einen Kommentar, wenn du Fragen hast. Außerdem freue ich mich über Tipps, wie du mit den Schattenseiten des Auswanderns umgehst.

Alles Liebe

Kategorien Auswandern
Sonja

über

Nach zehn Jahren als Redakteurin, Social Media und Content Manager in Deutschland habe ich im Juli 2017 zwei Koffer gepackt und bin von Nürnberg nach Melbourne gezogen. Wie es ist, auszuwandern und auf der anderen Seite der Welt zu leben, und was du auf deiner eigenen Reise nach Australien nicht verpassen solltest, erfährst du auf nextstopmelbourne.com.

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