Auswandern

Im Ausland leben – was ich als Expat gelernt habe

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Seit ich Deutschland 2017 verlassen habe und im Ausland lebe, hat sich mein Leben fast monatlich um 180 Grad gedreht – und ich habe einiges über mich gelernt.

1. Das Leben besteht aus unzähligen Anfängen

Wer in ein anderes Land zieht, lässt Menschen, Dinge und Orte zurück, gibt seine Karriere auf und verliert damit sein soziales wie finanzielles Sicherheitsnetz oder setzt dieses zumindest aufs Spiel. Das ist beängstigend – und für Menschen mit hohem Sicherheitsbedürfnis ein Stressfaktor. Während man sich im Heimatland an dem festhalten konnte, was man aufgebaut hat, und in eine – gefühlt – sichere und vorhersehbare Zukunft blickte, greift man im neuen Land anfangs ins Leere und die Angst zu fallen ist groß.

Angst haben ist ok.

Doch aus Angst stehenzubleiben, aus Angst in dem zu verharren, was man hat und was man kennt, war und ist – zumindest für mich – nicht die Lösung.

Auf die Nase fallen kann man überall und die Zukunft ist für uns alle ungewiss, egal ob wir in Deutschland oder im Ausland leben.

Das Leben besteht aus unzähligen Enden und Anfängen. Die Enden sind oft schmerzhaft, die Anfänge kraftraubend und beängstigend, aber auch aufregend und belebend. Viel zu häufig blicken wir – und ich allen voran – auf das, was wir verlieren könnten oder verloren haben, statt sich darauf zu freuen, was wir gewinnen können und werden.

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2. Wir sind die Erzähler unserer Geschichte

Wir können nicht ändern, was uns in der Vergangenheit passiert ist. Ich kann nicht ändern, dass mein Arbeitsvertrag letztes Jahr nach der Probezeit nicht verlängert wurde. Doch ich kann verändern, wie ich meine Vergangenheit deute, denn ich bin die Erzählerin meiner Geschichte.

Ich kann mir entweder erzählen, dass ich alleine Schuld daran war, meinen Job verloren zu haben. Ich kann mir noch Monate später vorwerfen, dass ich nicht gut genug war oder bin. Ich kann mir aber auch klar machen, dass das Unternehmen damals umstrukturiert wurde und außer mir weitere Mitarbeiter ihre Stellen verloren.

Seine Geschichte neu zu erzählen heißt nicht, sich selbst und andere zu belügen. Vielmehr geht es darum, die eigene Situation im größeren Zusammenhang zu sehen, sie neu zu interpretieren und Positives in dem zu entdecken, was man erlebt hat.

3. Ist der Weg steil, geh kleinere Schritte

Mit der Ankunft im neuen Land beginnt deine Reise erst. Du brauchst eine Wohnung, einen Job, einen Stromanschluss und ein Bankkonto. Freunde, Hobbies, Internet.

Bis du dich in deiner neuen Heimat zurecht findest und dich nicht mehr wie ein Tourist fühlst, vergehen Monate; für manche Dinge – Freundschaften etwa oder eine Karriere – sogar Jahre.

Du wirst vieles richtig machen; aber auch einiges falsch.

‚Such is life‘ – wie Ned Kelly, Australiens Antwort auf ‚Robin Hood‘, gesagt haben soll.

Hab Geduld mit dir und den Umständen und erwarte nicht, dass du und alles, was du tust, perfekt sein muss. Wenn dich Ziele motivieren, setze realistische Ziele. Erwarte von dir 100 Prozent in Bereichen, in denen deine Stärken liegen. Sei zufrieden mit 80, 70 oder 60 Prozent bei allem anderen.

Sei stolz darauf, was du erreicht hast, und feiere deine Erfolge – sind sie auch noch so klein. Du hast deine erste australische Steuererklärung abgegeben? – ein Grund zu jubeln. Nach wochenlanger Telefoniererei hast du endlich eine stabile Internetverbindung? – wo ist der Sekt! Du wirst zum Bewerbungsgespräch eingeladen? – Zeit auszugehen!

Surfer in Australien - nextstopmelbourne.com

4. Wer im Ausland lebt, entdeckt sich und seine Fähgkeiten neu

Musste ich wichtige Entscheidungen treffen, habe ich mich früher an meine Familie gewandt. Bevor ich einen Vertrag unterschrieb, bat ich meine Eltern ihn zu prüfen. Ich ließ sie offizielle Briefe gegenlesen und suchte ihren Rat und Trost, wenn ich nicht weiter wusste.

Nach meinem Umzug nach Australien blieb mir nichts anderes übrig, als selbst zu entscheiden was richtig für mich ist. Meine Eltern konnten die englischen Verträge nicht besser verstehen als ich, sie konnten mir nicht erklären, wie man ein Bewerbungsgespräch mit einem australischen Unternehmen besteht, und schon gar nicht konnten sie mich in den Stunden vor dem Termin aufmunternd umarmen.

Trotzdem habe ich eine Stelle gefunden. Ich habe australische Verträge geprüft und unterschrieben und eine Entscheidung nach der nächsten gefällt – und mit jedem Mal wuchs mein Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Ich lernte, an mich zu glauben.

Ich weiß, dass ich nicht immer die besten Entscheidungen treffen werde, aber die Angst etwas falsch zu machen lässt nach.

5. Beschwer dich nicht

Es muss eine typisch deutsche Eigenschaft sein, sich bei jeder Gelegenheit zu beklagen. Immer gibt es etwas auszusetzen, an sich selbst, häufiger aber an seinen Mitmenschen und der Umgebung. Die Nachbarn sind immer zu laut und wissen nicht, wie man den Müll trennt. An der Supermarktkasse muss man immer zu lange warten und die Ampel ist immer rot, wenn man hier entlang fährt.

Australier dagegen beklagen sich höchstens über das Wetter. Alles andere nehmen sie – gelassen und meistens mit einem Lächeln – hin. Man wartet geduldig in der Schlange, harrt aus bis sich der Stau aufgelöst hat, ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen, und plärrt im Museum während der Ferienzeit nicht heraus, dass man vor lauter Touristen nicht die Bilder sieht.

Was das letztgenannte Beispiel angeht – dessen habe ich mich schuldig gemacht. Sobald mir die Worte aus dem Mund geschossen sind, habe ich den Ausstellungsraum verlassen – irritiert, dass noch immer so viel Deutsches in mir steckt.

6. Enjoy!

Im Ausland leben wird schnell zur Routine. Wer Montag bis Freitag arbeitet, jede Woche die gleichen Sportkurse besucht und Sonntagabends immer ins Pub geht, vergisst schnell, dass er im Ausland lebt – und in meinem Fall am anderen Ende der Welt.

Darum zoome hin und wieder gedanklich heraus – aus deiner Wohnung, deiner Stadt, dem Land, dem Kontinent und mach dir klar, wo du bist und wie weit du gekommen bist.

Hast du vor im Ausland zu leben? Dann hilft dir vielleicht meine Checkliste Auswandern aus Deutschland weiter. Und wenn du wie ich nach Australien auswandern willst, findest du hier Tipps für die ersten Tage in Down Under.

Alles Liebe

Sonja

über

Im Sommer 2017 habe ich meinen Job und meine Wohnung in Deutschland gekündigt, verkauft und verschenkt was nicht in zwei Koffer passte und bin nach Australien gezogen. Seitdem lebe ich in Melbourne, Australiens zweitgrößter Stadt. Für wie lange - wer weiß?! Wie es ist auszuwandern und auf der anderen Seite der Welt zu leben und was du auf deiner eigenen Reise nach Australien nicht verpassen solltest, erfährst du auf nextstopmelbourne.com.

2 Kommentare zu “Im Ausland leben – was ich als Expat gelernt habe

  1. Sonja

    Hi Leo,
    vielen lieben Dank für deine Nachricht. Ich bin froh dass ich dir mit meiner Liste eine kleines bisschen helfen konnte. Jamaica klingt nach einem spannenden Wohnort und ich wünsche dir alles Gute für deine Auswanderung, auch wenn du sie eventuell erst später beginnen kannst als geplant. Ich wohne nach wie vor in Melbourne und habe inzwischen eine Daueraufenthaltsgenehmigung. Abgesehen von den Beiträgen hier auf meiner Seite habe ich keine weiteren Tipps aufgeschrieben – mit ein Grund dafür ist dass mein Leben fast vollständig auf Englisch „stattfindet“ und sich so normal anfühlt, dass ich kaum noch das Bedürfnis empfinde anderen davon erzählen zu wollen. Eine website auf der ich damals einige Tips für meinen Umzug nach Australien gefunden habe war australien-blogger.de, vielleicht findest du dort auch den ein oder anderen Tipp für dich.
    Alles Liebe, Sonja

  2. Avatar

    Liebe Sonja,
    bei der Planung meiner Auswanderung nach Jamaica bin ich auf deinen super hilfreichen Beitrag mit den vielen Tipps gestoßen! Wirklich klasse und auch noch mit interessanten Links versehen :-)) Vieles lässt sich prima übertragen auf einen anderen Kontinent.
    Ich kenne Jamaica sehr gut, da ich seit 2013 regelmäßig bis zu vier Monate dort bin. Bin also mit Sprache und Kultur vertraut. Trotzdem wäge ich sehr gründlich ab und bin sehr dankbar für solche Hilfestellungen. Mit der organisatorischen Umsetzung des Vorhabens habe ich schließlich noch keine Erfahrung und es ist auch sehr interessant und wichtig, sich nochmal bewusst zu machen, dass es Höhen und Tiefen geben wird und dass sie sein dürfen.
    Mich würde jetzt sehr interessieren, ob du inzwischen wieder zurück bist in der alten Heimat, oder ob Australien inzwischen sogar fester Wohnsitz geworden ist?
    Gibt es noch weitere Ersahrungsberichte, die du empfehlen kannst?
    Ich würde mich sehr über Rückmeldung freuen!
    Bis dahin alles Gute, wo auch immer du gerade bist, und liebe Grüße
    Leo

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