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Auswandern, ja oder nein? 7 Fragen, die bei der Entscheidung helfen

Ich habe es getan: Mein Leben in Deutschland liegt (bis auf Weiteres) hinter mir. Ich habe Familie, Job, Wohnung und Besitz zurückgelassen und bin mit nur zwei Koffern Gepäck nach Australien ausgewandert. Du kannst das auch! Wenn du es wirklich willst.

Klar, so eine Entscheidung trifft man nicht in fünf Minuten. Lass den Gedanken in dir reifen und beschäftige dich mit den folgenden sieben Fragen. Sie helfen dir herauszufinden, ob du der Typ fürs Auswandern bist.

1. Weshalb willst du auswandern?

In deinem Wunschland kann vieles sein wie in Deutschland – manches besser, anderes schlechter. In jedem Fall ist es „anders“ als gewohnt. Einer meiner Freunde besitzt ein T-Shirt mit der Aufschrift „anderswo ist auch Scheiße“. So pessimistisch sehe ich es nicht; erwarte jedoch nicht, dass alles besser wird, nur weil du in einem anderen Land lebst.

Auswandern kann eine Flucht vor manchem sein – jedoch nicht vor dir selbst! Eine introvertierte Person wird nicht plötzlich zum Alleinunterhalter, eine melancholische nicht zum Sonnenschein, nur weil sie mehrere tausend Kilometer fern der Heimat lebt.

Überlege dir also, was hinter deinem Wunsch auszuwandern wirklich steckt, und ob deine Beweggründe stark genug sind, um Aufwand, Verlust und Entbehrungen hinzunehmen, die dieser große Schritt mit sich bringt.

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2. Bist du bereit, alles aufzugeben?

Kannst du dich von Deutschland und deinem gewohnten Umfeld losreißen – und zwar nicht nur für ein paar Urlaubstage, sondern dauerhaft? Bist du bereit, deinen Besitz aufzugeben: deine Wohnung, Auto und Kleidung, Freunde, deinen Job und den Status, der damit verbunden ist?

Denn Auswandern heißt vor allem: loslassen und neu anfangen.

Ich selbst habe meine Stelle als Teamleiterin aufgegeben, meine Wohnung gekündigt und verkauft und verschenkt, was nicht in zwei Koffer passte. Anfangs hat mich der Gedanke daran, (fast) alles aufzugeben, beunruhigt. Ich bin ein sehr sicherheitsbedachter Mensch. Besonders der Gedanke daran, kein Einkommen mehr zu haben, hat mich darum nachts lange nicht schlafen lassen.

Die Dinge in meinem Besitz loszuwerden dagegen, war einfach für mich: Mit jedem Gegenstand, den ich verkauft, verschenkt oder weggeworfen habe, mit jedem Vertrag, den ich aufgelöst habe, fühlte ich mich freier und leichter.

3. Hast du genug Durchhaltevermögen fürs Auswandern?

Man sagt, dass es etwa drei Jahre dauert, bis man in einem neuen Land heimisch geworden ist. Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass das Auswandern selbst mindestens ein halbes Jahr dauert, meistens länger. Hinzu kommt die Zeit der Entscheidungsfindung, in der man sich am einen Tag schon mitten im Zielland wähnt, am andern seine Verwurzelung in Deutschland dafür umso deutlicher spürt.

Hast du die Geduld und das Durchhaltevermögen, um an einem so langfristigen Ziel dranzubleiben? An einem Vorhaben, das sich zwar planen lässt. Doch ob sich der Plan umsetzen lässt, hängt nicht nur von dir, sondern von vielen Unbekannten ab – insbesondere von den Behörden vor Ort. Denn willst du in ein Land außerhalb der EU ziehen, benötigst du in der Regel ein Visum. Empfehlenswert ist ein Visum, das dir erlaubt, vor Ort zu arbeiten. Dieses wiederum ist je nach Land an unterschiedliche Bedingungen geknüpft, etwa dass du einen Job vor Ort nachweisen kannst oder einen im Zielland gefragten Beruf erlernt hast. Mach dich darauf gefasst, dass ein Arbeitsvisum deutlich teurer als eine Einreiseerlaubnis für Touristen ist und gut 1.000 Euro oder mehr kosten kann.

Für mein australisches Visum musste ich zusätzlich einen Englischtest absolvieren, um meine Sprachkenntnisse nachzuweisen. Zudem habe ich eine australische Krankenversicherung gebraucht; und wie das bei privaten Versicherern ist: Sie haben die Wahl, wen sie aufnehmen und wen nicht.

Die Visumsbedingungen zu erfüllen, ist sicherlich machbar. Aber es dauert, bis du sämtliche Unterlagen dafür beisammen hast. Es dauert mindestens ebenso lange, manchmal sogar monatelang, bis die Visumsbehörden deinen Antrag bearbeitet haben.

Hast du dein Visum einmal in der Hand, kann es endlich losgehen. Na ja, fast: Denn vorher sind Job, Wohnung, Versicherungen, Bankkonten und vieles mehr zu kündigen und jede Menge Behördengänge in Deutschland zu erledigen.

Kurzum, sei dir dessen bewusst: Auswandern ist in erster Linie ein Geduldsspiel!

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4. Wie gut kennst du dein Zielland?

Zieht es dich an einen bestimmten Ort auf der Welt? Dann bringe so viel wie möglich über Stadt und Land in Erfahrung. Auch wenn ich es anders gemacht habe und nach Australien ausgewandert bin, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein: Es lohnt sich, das Wunschland erst zu besuchen, bevor man sich ohne Rückfahrticket auf die Reise macht.

Das Gleiche gilt, wenn du gerne für längere Zeit im Ausland leben möchtest, aber noch keine feste Vorstellung von deinem Zielland hast. Reise in die Länder, die für dich in die engere Auswahl kommen, sprich mit Bekannten, die schon vor Ort waren, und recherchiere:

Was du über dein Zielland in Erfahrung bringen solltest:

  • Lebensstandard und Versorgungslage
  • Preisniveau, Kaufkraft des Euro
  • Infrastruktur (Internet, öffentliche Verkehrsmittel, Stromversorgung, Ärzte und Krankenhäuser, Banken etc.)
  • Wohnungsmarkt und Wohnsituation
  • Arbeitslosenquote und verfügbare Jobs in deiner Branche
  • Landessprache und Englischkenntnisse der Bevölkerung
  • Klima
  • Gesundheitsgefahren (Krankheiten, Hygiene, gefährliche Insekten)
  • politische Beziehungen zu Deutschland und der EU
  • Krisenherde und politische Spannungen
  • Kriminalitätsrate

Ziehe am Ende deiner Recherche Bilanz: Überwiegen die positiven die negativen Punkte? Kannst du mit den negativen Aspekten leben? Sei dabei ehrlich zu dir selbst und rede dir nichts schön.

5. Hast du ausreichend Geld?

Am Geld hängt die Welt – und auch deine Auswanderungspläne hängen davon ab, wie viel Erspartes du auf deinem Bankkonto angesammelt hast. Gerade wenn du ins Ausland ziehst, ohne eine Stelle in Aussicht zu haben, lebst du auf nicht absehbare Zeit von deinen Reserven. Überschlage grob, welche Kosten monatlich in deinem Zielland auf dich zukommen (Nahrungsmittel, Miete, Transportkosten, Internet, Telefon, Versicherungen) und kalkuliere ordentlich Puffer ein.

Vergiss dabei nicht, dass die Lebenshaltungskosten und gerade die Preise für Lebensmittel in Deutschland gegenüber dem Rest der westlichen Welt konkurrenzlos niedrig sind. In Australien beispielsweise kostet ein Wocheneinkauf im Supermarkt mindestens ein Drittel mehr als in Deutschland.

In deinem Zielland solltest du mindestens ein halbes Jahr mit deinen Ersparnissen gut auskommen können. Denn einen Job zu finden, kann, je nach dem Arbeitsmarkt vor Ort, deinen Qualifikationen und Ansprüchen, dauern.

Beachte außerdem, dass du eventuell weiterhin für „Altlasten“ aufkommen musst. Viele Verträge lassen sich nicht von heute auf morgen fristlos kündigen. Rechne darum damit, dass du deine alte Wohnung, Versicherungen, Internet, Telefon und Abonnements mehrere Monate lang weiter bezahlen musst, bis die Kündigungsfrist endet.

Weitere und durchaus beachtliche Kosten fallen beim Auswandern an, wenn du Geld von Deutschland ins außereuropäische Ausland überweist. Wie viel Geld auf deinem ausländischen Konto landet, hängt zum einen vom aktuellen Wechselkurs ab. Zum anderen berechnet dein Bankinstitut für jede Transaktion eine Überweisungsgebühr. Diese allein kann je nach Überweisungsbetrag durchaus die 100-Euro-Grenze überschreiten. Viele Banken überweisen dein Geld jedoch nicht direkt auf dein ausländisches Konto, sondern schalten ein, zwei oder mehr Finanzinstitute ein, um deine Überweisung auszuführen. Dein Geld geht also nicht direkt über Los, sondern macht dazwischen mehrmals Rast in der Badstraße, am Ostbahnhof und schlimmstenfalls in der Schlossallee. Wie im Spiel, darfst du auch in der Bankenwelt jedes Mal Gebühren zahlen.

Ganz herum kommt man um diese Kosten nicht. Allerdings gibt es inzwischen mehrere Start-ups, die den Geldtransfer ins Ausland nicht nur vereinfachen, sondern auch günstiger machen. Genauso wie andere Blogger vor mir, habe ich beispielsweise gute Erfahrungen mit TransferWise gemacht.

Einen Teil deiner Ausgaben kannst du übrigens decken, indem du deinen Besitz verkaufst. Je früher du damit beginnst und je länger du auf ein gutes Angebot für Auto, Möbel, Küche und Co. warten kannst, desto mehr Geld wirst du einnehmen.

6. Wie wirst du in deiner neuen Heimat Geld verdienen?

So viel Geld du auch angespart hast, irgendwann neigen sich deine Ersparnisse dem Ende zu. Nicht erst dann solltest du einen Plan entwickeln, wie du deine Finanzen wieder aufbesserst. Beantworten können solltest du folgende Fragen:

  • Kann, will und darf ich meinen Beruf im Ausland ausüben? Wenn nicht, was mache ich dort stattdessen beruflich?
  • Kann ich für meinen derzeitigen Arbeitgeber oder ein Partnerunternehmen im Ausland weiterarbeiten?
  • Verdiene ich in meinem gewünschten Job ausreichend Geld, um alle Ausgaben zu decken?
  • Wie bewerbe ich mich in meinem Wunschland für eine Stelle?
  • Was kann ich tun, um meine Jobchancen im Ausland zu verbessern?
  • Wer kann mir helfen, einen Job im Ausland zu finden?
  • Ist es sinnvoll, mir vor dem Auswandern eine Stelle in meinem Wunschland zu suchen?
  • Werden mein Schulabschluss, meine Ausbildung und meine Berufserfahrung anerkannt?
  • Welche Arbeitsbedingungen (Arbeits- und Urlaubszeiten, Steuern, Kündigungsfrist etc.) gelten in meinem Wunschland?
  • Was tue ich, wenn ich keinen Job finde und mir das Geld ausgeht? Kehre ich zurück nach Deutschland? Habe ich dort Anspruch auf Arbeitslosengeld oder kann ich in mein altes Unternehmen zurückkehren? Können mir Verwandte oder Bekannte aushelfen, bis ich Arbeit gefunden habe?

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7. Worauf freust du dich besonders in deinem Wunschland?

Ich habe dir bereits erzählt, wie viele Nerven es kosten kann, sich durch den Behördenjungle zu kämpfen und zu warten, warten, warten, bis du dein Abenteuer endlich antreten kannst. Als ich nach Wochen des Wartens auf mein australisches Visum immer niedergeschlagener wurde, gab mir ein lieber Kollege den Tipp, meine Gedanken auf das zu richten, worauf ich mich in Australien freue: das Meer, die Weite, Surfen, Schnorcheln, die Welt sehen, ein anderes Land und mich selbst darin entdecken.

Dieser Tipp und die vielen positiven Bilder in meinem Kopf haben Wunder gewirkt.

Am Ende meiner Liste habe ich noch eine letzte Frage für dich; und zwar eine, die du dir unbedingt NICHT stellen solltest:

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt um auszuwandern?

Denn den perfekten Moment gibt es nicht. Es gibt nur verpasste Gelegenheiten – und davon mehr als genug.

Damit bei deinem Abenteuer Auswandern nichts schief geht, empfehle ich dir als nächstes meine persönliche und sehr umfangreiche Auswandern-Checkliste.

Was sagst du dazu?

Stehst du selbst gerade vor der Frage „Auswandern – ja oder nein“? Dann schreibe mir, ob dir meine Frageliste geholfen hat. Nenne mir auch gerne Themen, die dir in dem Beitrag noch fehlen.

Bist du bereits ausgewandert und hast weitere Tipps für „Auswanderungsanfänger“? Auch dann freue ich mich auf deine Nachricht.

Alles Liebe,

Kategorien Auswandern
Sonja

über

Hallo, ich bin Sonja. Nach zehn Jahren Berufstätigkeit als Social Media-Managerin und Online-Redakteurin in Deutschland habe ich im Juli 2017 zwei Koffer gepackt und bin von Nürnberg nach Melbourne gezogen. Wie es ist, DownUnder zu leben und was du auf deiner eigenen Reise durch Australien nicht verpassen solltest, erfährst du auf nextstopmelbourne.com.

  1. Sonja

    Hallo Katja,

    vielen Dank für den lieben Kommentar! Was hat es denn mit der W-Theorie auf sich?

    Herzliche Grüße
    Sonja

  2. Hallo Sonja,
    habe den Artikel gern und in einem Zug gelesen, und obwohl ich mich im europäischen Ausland befinde, wiedergefunden. Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen bei deinem Abenteuer. Mir hat damals die W-Theorie sehr gut geholfen. Nach dem Enthusiasmus kommt ev. eine kleine Enttäuschung, aber die Stimmung wird wieder steigen. Der zweite Stimmungsabstieg käme übrigens bei einer Abreise. Und irgendwann fühlt man sich überall und nirgendwo zu Haus.
    Viele glückliche Momente wünscht dir
    Katja

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