Was ich als Expat gelernt habe - nextstopmelbourne.com

500 Tage Australien – was ich als Expat gelernt habe

Seit ich vor eineinhalb Jahre nach Australien gezogen bin, hat sich mein Leben fast monatlich um 360 Grad gedreht und ich habe viel über meine neue Heimat, vor allem aber über mich gelernt.

Ich bin in den zurückliegenden 500 Tagen fünf Mal umgezogen – in derselben Stadt. Ich habe einen Monat nach meiner Ankunft in Melbourne einen Job gefunden – und ihn nach sechs Monaten wieder verloren.

Ohne Job im Ausland – und jetzt?

Vier Wochen lang habe ich mir selbst Vorwürfe gemacht, dass ich nicht gut genug bin und mich nicht ausreichend angestrengt habe. Nachdem nicht nur mein Freund, sondern auch ich mich nicht mehr Jammern hören konnte, habe ich mir selbst Urlaub verordnet und bin alleine auf einen Roadtrip entlang der Great Ocean Road gegangen. Das half.

Nach meiner Rückkehr habe ich mich wieder auf Jobsuche begeben. Einen Monat gab ich mir Zeit etwas Neues zu finden, ansonsten, nahm sich mein noch immer angeschlagenes Ich vor, würde ich nach Deutschland zurückfliegen.

Obwohl ich mich in Gedanken schon im Flugzeug sitzen sah, schrieb ich zwei Wochen lang täglich Bewerbungen, hatte in der dritten Woche mein erstes Vorstellungsgespräch und in der vierten eine neue Stelle.

Das war im Sommer 2018 – oder besser gesagt mein letzter Australischer Winter. Inzwischen sind wieder einige Monate vergangen, es ist Hochsommer in Australien und während ich von 42 Grad heißen Tagen und kaum weniger warmen Nächten nach Deutschland berichte, sendet man mir von dort Fotos von schneebedeckten Autos, Straßen und Gärten zurück.

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11 Dinge, die ich als Expat in Australien gelernt habe

Nachdem es mich heute bei windigen 35 Grad nicht nach draußen zieht, habe ich Zeit um Resümee zu ziehen und zu überlegen, was ich in eineinhalb Jahren als Expat in Australien gelernt habe.

1. Das Leben besteht aus unzähligen Anfängen

Wer in ein anderes Land zieht, lässt Menschen, Dinge und Orte zurück, gibt seine Karriere auf und verliert damit sein soziales wie finanzielles Sicherheitsnetz oder setzt dieses zumindest aufs Spiel. Das ist beängstigend – und für Menschen mit hohem Sicherheitsbedürfnis ein Stressfaktor. Während man sich im Heimatland an dem festhalten konnte, was man aufgebaut hat, und in eine – gefühlt – sichere und vorhersehbare Zukunft blickte, greift man im neuen Land anfangs ins Leere und die Angst zu fallen, keinen Halt zu finden, ist groß.

Angst zu haben ist ok.

Doch aus Angst stehenzubleiben, aus Angst in dem zu verharren, was man hat und was man kennt, war und ist – zumindest für mich – nicht die Lösung.

Auf die Nase fallen kann man überall, zuhause wie im Ausland, und die Zukunft ist für uns alle ungewiss, egal wo wir sind. Das Leben besteht aus unzähligen Enden und Anfängen. Die Enden sind oft schmerzhaft, die Anfänge kraftraubend und erschreckend – aber auch aufregend und belebend. Viel zu häufig blicken wir – und ich allen voran – auf das, was wir verlieren könnten oder verloren haben, statt sich darauf zu freuen, was wir gewinnen können und werden.

2. Vegemite ist nicht Nutella

Als Kind habe ich Nutella aus dem Glas gelöffelt. Auf die gleiche Weise habe ich mich am zweiten Tag nach meiner Ankunft in Australien an Vegemite herangewagt. Kaum hatte ich die Paste zwischen den Lippen, war klar: ich hatte schon bessere Ideen. Sekunden später landete der Brotaufstrich im Müll.

Wochen später lernte ich von Australiern, wie man es richtig macht: Vegemite schmeckt nur dann, wenn man es in einer dünnen Schicht auf Toast streicht; am besten mit einer Schicht Butter darunter und ‚mashed avo‘ (Avocadopüree) darüber.

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3. Wir sind die Erzähler unserer Geschichte

Wir können nicht ändern, was uns in der Vergangenheit passiert ist. Ich kann nicht ändern, dass mein Arbeitsvertrag letztes Jahr nach der Probezeit nicht verlängert wurde. Doch ich kann verändern, wie ich meine Vergangenheit deute, denn ich bin die Erzählerin meiner Geschichte.

Ich kann mir entweder erzählen, dass ich alleine Schuld daran war, meinen Job verloren zu haben. Ich kann mir noch Monate später vorwerfen, dass ich nicht gut genug war oder bin. Ich kann mir aber auch klar machen, dass das Unternehmen damals umstrukturiert wurde und außer mir weitere Mitarbeiter ihre Stellen verloren.

Seine Geschichte neu zu erzählen heißt nicht, sich selbst und andere zu belügen. Vielmehr geht es darum, seine Situation im größeren Zusammenhang zu sehen, das Positive anzuerkennen und sich freizumachen von Bestätigungsfehlern (der sogenannten ‚confirmation bias‘) – also nicht nur das zu sehen, was wir sehen wollen und zu ignorieren, was unserem Weltbild widerspricht.

4. Slip, slop, slap, seek and slide – Australiens goldene Regel

In den 80ern lernte Australien von einer singenden Möve, wie man sich mit der Formel ’slip, slop, slap‘ vor der Sonne und langfristig vor Hautkrebs schützt. Jahre später gab es eine Neuauflage des Werbespots und zu ’slip, slop, slap‘ kamen ’seek and slide‘ hinzu. Da die fünf Worte ohne Kontext nicht zu verstehen sind, folgt hier das vollständige Regelwerk:

  1. Slip on sun protective clothing.
  2. Slop on SPF 30 or higher broad-spectrum, water-resistant sunscreen.
  3. Slap on a broad-brimmed hat.
  4. Seek shade.
  5. Slide on sunglasses.

Die Regel gilt übrigens sommers wie winters.

5. Ist der Weg steil, geh kleinere Schritte

Mit der Ankunft im neuen Land beginnt deine Reise erst. Du brauchst eine Wohnung, einen Job, einen Stromanschluss und ein Bankkonto. Freunde, Hobbies, Internet.

Bis du dich in deiner neuen Heimat zurecht findest und dich nicht mehr wie ein Tourist fühlst, vergehen Monate; für manche Dinge – Freundschaften etwa oder eine Karriere – sogar Jahre.

Du wirst vieles richtig machen, aber auch einiges – beim ersten Mal – falsch.

‚Such is life‘ – wie Ned Kelly, Australiens Antwort auf ‚Robin Hood‘, sagte.

Also, hab Geduld mit dir und den Umständen und erwarte nicht, dass du und alles, was du tust, perfekt sein muss. Wenn dich Ziele motivieren, setze realistische Ziele. Erwarte von dir 100 Prozent in Bereichen, in denen deine Stärken liegen. Sei zufrieden mit 80, 70 oder 60 Prozent bei allem anderen.

Geschafft ist geschafft und ‚perfekt‘ heißt nicht nur vervollkommnen, sondern auch etwas zu Ende oder zustande bringen.

Sei stolz darauf, was du erreicht hast, und feiere deine Erfolge – sind sie auch noch so klein. Du hast deine erste australische Steuererklärung abgegeben? – ein Grund zu jubeln. Nach wochenlanger Telefoniererei hast du endlich eine stabile Internetverbindung? – wo ist der Sekt?! Du wirst zum Bewerbungsgespräch eingeladen? – Zeit auszugehen!

6. Ta?

Australier lieben Abkürzungen. Zum ‚brekkie‘ gibt es in ‚Straya‘ ‚avo on toast‘; am ‚arvo‘ trifft man sich zum ‚barbie‘ im Park; im ‚esky‘ bleiben die ‚tinnies‘ kühl und die ‚mates‘ haben ‚biccies‘ und ‚choccy‘ mitgebracht – ‚ta‘ (‚thanks a lot‘).

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7. Bleib nicht am Beckenrand stehen

In den ersten Wochen nach meiner Ankunft in Melbourne nahm ich mehrmals an einem Meet-up teil, um mein Englisch zu verbessern. Der Organisator war US-Amerikaner, ehemaliger Soldat, jetzt Sprachlehrer und versuchte, uns Brasilianern, Chinesen, Italienern und Deutschen die australische Kultur näherzubringen und unseren Wortschatz um typisch australische Worte und Redewendungen zu erweitern. Einer der wenigen Ausdrücke, an die ich mich bis heute erinnere, ist ‚take a piss‘   ¯\_ツ_/¯

Abgesehen davon ermahnte Chuck uns Neuankömmlinge: „You have to immerse yourself into the culture“ – wir sollten vollständig in die Kultur und Sprache Australiens eintauchen. Nur so würden wir unser Englisch verbessern und, wichtiger noch, uns in dem für uns neuen Land integrieren.

Während ich ‚take a piss‘ nicht in meinen aktiven Wortschatz übernahm, habe ich mir Chucks Tipp zu Herzen genommen. Statt am Beckenrand stehen zu bleiben, bin ich sprichwörtlich mitten in das Becken hinein gesprungen und inzwischen von Kopf bis Fuß von australischer Kultur und Sprache umgeben:

Ich arbeite für eine australisches NGO, leiste ehrenamtlich Erste Hilfe bei öffentlichen Veranstaltungen, treffe mich mit Australiern zum Sport, und spreche von morgens bis abends englisch – selbst mit meinem deutschsprachigen Freund.

8. In Australien kommt der Winter in die Wohnung

Die Temperaturen in Melbourne – und generell im Süden Australiens – sinken normalerweise nicht unter fünf Grad. Zwar machen Regen und Wind die Wintertage mitunter unangenehm, doch frieren muss man nicht – zumindest nicht im Freien.

Anders in Innenräumen: Schlechte oder nicht vorhandene Isolierung und Einfachverglasung führen dazu, dass es innen fast genauso kühl ist wie außen. Zudem ist kaum ein Gebäude in Australien mit einer Zentralheizung ausgestattet.

Wie für manch andere Situation, haben Australier auch hier eine vergleichsweise behelfsmäßige Lösung: Elektro- und Gasöfen, Wärmedecken, stromfressende Klimaanlagen mit Heizfunktion und nicht zuletzt: warm anziehen.

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9. Wer auswandert, entdeckt sich und seine Fähgkeiten

Musste ich wichtige Entscheidungen treffen, habe ich mich früher an meine Familie gewandt. Bevor ich einen Vertrag unterschrieb, bat ich meine Eltern ihn zu prüfen. Ich ließ sie offizielle Briefe gegenlesen und suchte ihren Rat und Trost, wenn ich nicht weiter wusste.

Nach meinem Umzug nach Australien blieb mir nichts anderes übrig, als selbst zu entscheiden was richtig für mich ist. Meine Eltern konnten die englischen Verträge nicht besser verstehen als ich, sie konnten mir nicht erklären, wie man ein Bewerbungsgespräch mit einem australischen Unternehmen besteht, und schon gar nicht konnten sie mich in den Stunden vor dem Termin aufmunternd umarmen.

Trotzdem habe ich eine Stelle gefunden. Ich habe australische Verträge geprüft und unterschrieben und eine Entscheidung nach der nächsten gefällt – und mit jedem Mal wuchs mein Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Ich lernte, an mich zu glauben.

Ich weiß, dass ich nicht immer die besten Entscheidungen treffen werde, aber die Angst etwas falsch zu machen lässt nach.

10. Beschwer dich nicht

Es muss eine typisch deutsche Eigenschaft sein, sich bei jeder Gelegenheit zu beklagen. Immer gibt es etwas auszusetzen, an sich selbst, häufiger aber an seinen Mitmenschen und der Umgebung. Die Nachbarn sind immer zu laut und wissen nicht, wie man den Müll trennt. An der Supermarktkasse muss man immer zu lange warten und die Ampel ist immer rot, wenn man hier entlang fährt.

Australier dagegen beklagen sich höchstens über das Wetter. Alles andere nehmen sie – gelassen und meistens mit einem Lächeln – hin. Man wartet geduldig in der Schlange, harrt aus bis sich der Stau aufgelöst hat, ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen, und plärrt im Museum während der Ferienzeit nicht heraus, dass man vor lauter Touristen nicht die Bilder sieht.

Was das letztgenannte Beispiel angeht – dessen habe ich mich schuldig gemacht. Sobald mir die Worte aus dem Mund geschossen sind, habe ich fluchtartig den Ausstellungsraum verlassen – peinlich berührt und irritiert, dass noch immer so viel Deutsches in mir steckt.

11. Enjoy!

Das Leben im Ausland wird schnell zur Routine. Wer Montag bis Freitag arbeitet, jede Woche die gleichen Sportkurse besucht und Sonntagabends immer ins Pub geht, vergisst schnell, dass er im Ausland lebt – und in meinem Fall am anderen Ende der Welt.

Darum zoome hin und wieder gedanklich heraus – aus deiner Wohnung, deiner Stadt, dem Land, dem Kontinent und mach dir klar, wo du bist und wie weit du gekommen bist.

Alles Liebe

Kategorien Auswandern
Sonja

über

Nach zehn Jahren als Redakteurin, Social Media und Content Manager in Deutschland habe ich im Juli 2017 zwei Koffer gepackt und bin von Nürnberg nach Melbourne gezogen. Wie es ist, auf der nderen Seite der Welt zu leben und was du auf deiner eigenen Reise durch Australien nicht verpassen solltest, erfährst du auf nextstopmelbourne.com.

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